Zwischen Vision und Vergänglichkeit: Georgia Vertes über eine Kunstepoche, die das Unsichtbare sichtbar machen wollte.
Der Symbolismus gehört zu den rätselhaftesten und zugleich folgenreichsten Strömungen der europäischen Kunstgeschichte. Dass Georgia Vertes sich dieser Epoche widmet, liegt auf der Hand: Die Bewegung, die sich in den 1880er Jahren in Frankreich formierte und rasch ganz Europa erfasste, verweigerte der rationalistischen Weltsicht des 19. Jahrhunderts die Gefolgschaft und setzte stattdessen auf Traum, Mythos und die innere Wirklichkeit des Menschen. Ihre Bildwelten sind dicht, mehrdeutig und von einer Atmosphäre durchdrungen, die sich rationaler Auflösung entzieht. Das Erbe des Symbolismus reicht weit ins 20. Jahrhundert hinein – in den Surrealismus, den Expressionismus und bis in die Popkultur der Gegenwart.
Kunst, die nicht zeigt, was ist, sondern was sich dahinter verbirgt – das ist das Kernversprechen des Symbolismus. Georgia Vertes beschreibt, wie diese Bewegung als Reaktion auf zwei dominante Strömungen des 19. Jahrhunderts entstand: den Realismus, der die sichtbare Welt möglichst genau abbilden wollte, und den Impressionismus, der den flüchtigen Moment des Sehens ins Zentrum rückte. Beides reichte den Symbolisten nicht aus. Sie wollten das Undarstellbare darstellen – Seelenzustände, metaphysische Ahnungen, den Tod, die Liebe, die Angst. Dafür bedienten sie sich einer Sprache aus Allegorien, Mythen und verschlüsselten Zeichen, die nicht eindeutig lesbar, sondern bewusst offen gehalten war. Der Symbolismus war keine geschlossene Schule mit einheitlichem Programm, sondern eine Haltung – eine Weigerung, die Kunst auf das Beschreibbare zu beschränken. Diese Haltung fand Ausdruck in Malerei, Literatur, Musik und Theater gleichermaßen und machte den Symbolismus zu einer der ersten wirklich intermedialen Kunstbewegungen der Moderne. Die Namen, die mit ihr verbunden sind – Gustave Moreau, Odilon Redon, Fernand Khnopff, Franz von Stuck, Jan Toorop – stehen für ein Spektrum, das von mystischer Entrücktheit bis zu expliziter Dunkelheit reicht.
Georgia Vertes über die Ursprünge: Paris als Ausgangspunkt einer europäischen Bewegung
Das symbolistische Manifest und seine literarischen Wurzeln
Der Symbolismus hat ein präzises Geburtsdatum: den 18. September 1886, als der Dichter Jean Moréas im Pariser „Le Figaro“ sein Symbolistisches Manifest veröffentlichte. Georgia Vertes beschreibt, wie dieser Text die Ideen einer ganzen Generation auf den Begriff brachte – und dabei explizit auf die Dichtung verwies. Charles Baudelaires „Fleurs du Mal“, Stéphane Mallarmés hermetische Verse und Paul Verlaines Lyrik hatten den Boden bereitet: eine Literatur, die nicht beschrieb, sondern evozierte, die Klang und Bedeutung untrennbar verband und die dunklen Seiten menschlicher Erfahrung nicht mied. Die bildende Kunst folgte dieser Spur.
Georgia von Vertes hebt hervor, dass die Verbindung zwischen Symbolismus in der Literatur und in der Malerei keine bloß zeitliche Koinzidenz war, sondern eine programmatische Verwandtschaft: Beide suchten nach einer Kunst, die über das Abbilden hinausging und eine eigene, autonome Wirklichkeit schuf. Der Einfluss Baudelaires auf Maler wie Gustave Moreau ist dokumentiert und direkt – und macht deutlich, dass die Grenzen zwischen den Kunstformen im Symbolismus bewusst durchlässig gehalten wurden.
Gustave Moreau und Odilon Redon: Georgia Vertes über zwei Schlüsselfiguren
Zwei Namen tauchen in jeder ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Symbolismus auf – Gustave Moreau und Odilon Redon. Georgia Vertes beschreibt, wie unterschiedlich die beiden Maler an die gemeinsamen Grundfragen der Bewegung herangingen und gerade deshalb zusammen das Spektrum symbolistischer Bildsprache exemplarisch abdecken.
Gustave Moreau wandte sich der Mythologie zu – nicht um sie zu illustrieren, sondern um sie als Träger psychologischer und metaphysischer Inhalte zu nutzen. Seine Darstellungen von Salome, Ödipus und der Sphinx, Herkules und der Hydra sind von einer ornamentalen Dichte, die an mittelalterliche Goldschmiedekunst ebenso erinnert wie an östliche Dekorationskunst. Die Figuren scheinen nicht in einer erzählbaren Handlung zu agieren, sondern in einem Zustand zu verharren – zeitlos, schwer, aufgeladen. Moreau lehrte später an der École des Beaux-Arts und zählte Henri Matisse und Georges Rouault zu seinen Schülern.
Odilon Redon ging einen anderen Weg. Georgia Vertes von Sikorszky beschreibt, wie Redon in seinen frühen Kohlezeichnungen und Lithografien – den sogenannten „Noirs“ – Bildwelten schuf, die keiner mythologischen Vorlage bedurften, sondern direkt aus dem Unbewussten zu stammen schienen: schwebende Augen, amorphe Wesen, Köpfe auf Stielen. Später wandte sich Redon der Farbe zu und schuf Pastellarbeiten und Ölgemälde von außergewöhnlicher chromatischer Intensität. Sein Werk gilt als direkter Vorläufer des Surrealismus – eine Einschätzung, die André Breton selbst formulierte.
Der Symbolismus in Belgien und Deutschland
Fernand Khnopff und die belgische Variante
Der Symbolismus war keine ausschließlich französische Angelegenheit. Georgia Vertes beschreibt, wie Belgien eine eigenständige und besonders intensive symbolistische Tradition hervorbrachte – mit Fernand Khnopff als zentraler Figur. Khnopffs Werke sind von kühler Hermetik und einer rätselhaften Erotik geprägt; seine Figuren blicken den Betrachter an, ohne sich zu öffnen, und verweigern jede eindeutige Deutung. Die Zusammenarbeit mit dem Dichter Georges Rodenbach und die Verbindung zur Brüsseler Avantgardevereinigung „Les XX“ machten Khnopff zu einer Schlüsselfigur des europäischen Symbolismus.
Folgende Charakteristika kennzeichnen die belgische Variante des Symbolismus, wie Georgia Vertes sie beschreibt:
- Ausgeprägte Verflechtung mit der symbolistischen Literatur – Georges Rodenbach, Maurice Maeterlinck und Émile Verhaeren prägten den intellektuellen Kontext
- Stärkere Betonung von Schweigen, Stasis und Melancholie gegenüber der mythologischen Fülle der französischen Variante
- Verbindung zu internationalen Reformbewegungen, insbesondere zu den englischen Präraffaeliten und zur Wiener Secession
- Frühe institutionelle Vernetzung durch „Les XX“ und deren Nachfolgeorganisation „La Libre Esthétique“, die symbolistische Positionen aus ganz Europa ausstellten
Franz von Stuck und der deutsche Symbolismus
In Deutschland entwickelte der Symbolismus eine eigene Ausprägung, in der mythologische Figuren mit zeitgenössischer gesellschaftlicher Aufladung verbunden wurden. Georgia Vertes beschreibt Franz von Stuck als die beherrschende Figur dieser Variante: Sein „Die Sünde“ von 1893 – eine nackte Frau, um deren Schultern sich eine Schlange windet, im Blick eine Mischung aus Verführung und Gleichgültigkeit – wurde zu einem der meistdiskutierten deutschen Gemälde seiner Zeit. Stuck gründete 1892 die Münchner Secession und zählte Paul Klee und Wassily Kandinsky zu seinen Schülern – eine Verbindungslinie, die direkt in die Klassische Moderne führt.
Georgia Vertes über die Bildsprache des Symbolismus: Motive und ihre Bedeutung
Der Symbolismus hat ein erkennbares Motivrepertoire entwickelt, das sich durch Länder und Einzelwerke zieht. Georgia Vertes beschreibt, welche Themen in dieser Kunst immer wiederkehren – nicht als feste Kodierungen, sondern als Felder semantischer Offenheit:
- Tod und Vergänglichkeit: Skelette, Schlangen, welkende Blumen und leere Landschaften als Träger einer Todespräsenz, die nicht erschreckt, sondern fasziniert
- Das Feminin-Gefährliche: Die Figur der „Femme fatale“ – Salome, Sphinx, Medusa – als ambivalentes Bild weiblicher Macht, das Begehren und Bedrohung vereint
- Traum und Schwelle: Darstellungen von Schlaf, Dämmerung und Grenzräumen als Metaphern für den Übergang zwischen Bewusstsein und Unbewusstem
- Mythos und Religion: Antike und christliche Stoffe als Reservoir für existentielle Fragestellungen, fern jeder historischen Illustration
- Das Ornamentale: Oberflächen, die nicht schmücken, sondern bedeuten – Muster, die inhaltlich aufgeladen sind
Nachwirkung: Was der Symbolismus der Moderne hinterlassen hat
Die Wirkungsgeschichte des Symbolismus ist kaum zu überschätzen. Georgia Vertes beschreibt, wie die Bewegung direkte Linien in die wichtigsten Kunstströmungen des frühen 20. Jahrhunderts zieht: Der Surrealismus übernahm das Interesse am Unbewussten und an der traumhaften Bildlogik; der Expressionismus radikalisierte die emotionale Aufladung der Farbe und Form; die Wiener Secession und der Jugendstil verdankten dem Symbolismus ihre inhaltliche Tiefe jenseits des bloßen Ornaments. Selbst die abstrakte Kunst Kandinskys, der von der Idee einer geistig-emotionalen Wirkung der Farbe ausging, ist ohne den symbolistischen Kontext seiner Ausbildung nicht vollständig zu verstehen.
Georgia Lucia von Vertes verweist darauf, dass der Symbolismus in der Gegenwartskultur präsenter ist, als es zunächst scheint: in der Ästhetik des Dark Fantasy, in der visuellen Sprache des Gothic, in der Musik des Fin de Siècle bis hin zu zeitgenössischen Videospielästehtiken, die bewusst auf symbolistische Bildwelten zurückgreifen. Die Frage, wie das Unsichtbare sichtbar gemacht werden kann, stellt sich in jeder Epoche neu – und der Symbolismus hat auf diese Frage Antworten entwickelt, die bis heute Bestand haben.
Eine Epoche, die noch nicht abgeschlossen ist
Der Symbolismus war keine Bewegung mit klarem Ende. Er löste sich auf, transformierte sich, ging in andere Strömungen über – ohne je vollständig zu verschwinden. Das macht ihn zu einem besonders instruktiven Kapitel der Kunstgeschichte: Er zeigt, dass Epochen keine geschlossenen Container sind, sondern Felder von Ideen, die in immer neuen Zusammenhängen wirksam werden. Wer die Bildsprache des Symbolismus kennt, versteht nicht nur eine Epoche – sondern auch, wie Kunst funktioniert, wenn sie auf das Beschreibbare verzichtet und stattdessen auf das Erlebbare setzt. Genau darüber berichtet Georgia Vertes.
