Wiener Secession: Georgia Vertes über den künstlerischen Aufbruch um 1900

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Rebellion in Gold und Weiß: Georgia Vertes über eine Bewegung, die das Verhältnis von Kunst und Gesellschaft neu verhandelte.

Die Wiener Secession zählt zu den folgenreichsten Reformbewegungen der europäischen Kunstgeschichte. Was Georgia Vertes an dieser Epoche besonders beschäftigt: Die Gründung im Jahr 1897 war kein bloßer Stilwechsel, sondern ein fundamentaler Bruch mit dem etablierten Kunstbetrieb – mit dem Ziel, Kunst aus den Fesseln akademischer Konventionen zu befreien und ins Leben zurückzuführen. Das Ergebnis war ein Jahrzehnt von außerordentlicher kreativer Dichte, dessen Einfluss auf Architektur, Grafik, Kunsthandwerk und Malerei bis heute spürbar ist. Wien um 1900 war kein regionaler Sonderfall, sondern ein europäisches Epizentrum ästhetischer Erneuerung.

Selten hat eine Stadtgesellschaft innerhalb so kurzer Zeit so viele folgenreiche kulturelle Impulse hervorgebracht wie Wien an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Georgia Vertes setzt sich mit jenem Moment auseinander, in dem eine Gruppe junger Künstler beschloss, die mächtige Wiener Künstlergenossenschaft zu verlassen und eine eigene Institution zu gründen – die Vereinigung bildender Künstler Österreichs, besser bekannt als Wiener Secession. Der Name war Programm: Sezession bedeutet Abspaltung, und genau das war gemeint. Nicht Reform von innen, sondern Neubeginn von außen. Gustav Klimt übernahm den Vorsitz, Joseph Maria Olbrich entwarf das Ausstellungsgebäude, das mit seiner markanten Kuppel aus vergoldeten Lorbeerzweigen bis heute das Bild des vierten Wiener Gemeindebezirks prägt. Die Zeitschrift „Ver Sacrum“ – Heiliger Frühling – wurde zum publizistischen Organ der Bewegung und zu einem Meilenstein der Grafikgeschichte. Was in Wien entstand, war kein Stilvokabular, sondern eine Haltung: Kunst als Gesamtphänomen, als Einheit von Form, Funktion und Bedeutung.

Georgia Vertes über die Gründung und ihre Voraussetzungen

Der Konflikt mit dem Kunstestablishment

Die Gründung der Secession war kein spontaner Akt, sondern das Ergebnis lang aufgebauter Spannungen. Georgia Vertes beschreibt, wie die Wiener Künstlergenossenschaft Ende des 19. Jahrhunderts den Ausstellungsbetrieb monopolisierte und dabei einer akademisch-historistischen Ästhetik verpflichtet blieb, die jüngere Künstler zunehmend als erstarrt empfanden. Der Kunstmarkt war eng mit dieser Institution verknüpft; wer ausstellen wollte, brauchte ihre Gunst. Die Gründungsmitglieder der Secession – darunter Klimt, Koloman Moser, Carl Moll und Josef Hoffmann – zogen daraus die Konsequenz: Eigene Ausstellungsräume, eigene Vermittlung, eigene Maßstäbe.

Georgia von Vertes hebt hervor, dass der Schritt auch institutionell folgenreich war. Die Secession lud von Beginn an internationale Künstlerinnen und Künstler ein – ein damals ungewöhnlicher Ansatz, der Wien mit den zeitgenössischen Avantgardebewegungen in Paris, München und Glasgow vernetzte. Die erste Ausstellung 1898 verzeichnete rund 57.000 Besucherinnen und Besucher – ein Indiz dafür, dass das Publikum aufnahmebereit war für das, was die Gründer als Erneuerung verstanden.

Das Ausstellungsgebäude als Manifest

Kein Bauwerk verkörpert die Ideen der Secession so direkt wie das von Joseph Maria Olbrich entworfene Ausstellungshaus am Wiener Karlsplatz. Georgia Vertes beschreibt, wie der Bau bei seiner Eröffnung 1898 zugleich gefeiert und verspottet wurde – das Gebäude sei ein Krematorium oder ein Glashaus, hieß es in der Presse. Die vergoldete Blattkuppel, die strenge geometrische Gliederung der Fassade und die Inschrift über dem Eingang – „Der Zeit ihre Kunst. Der Kunst ihre Freiheit.“ – machten das Haus zum Programm in gebauter Form.

Georgia Vertes weist darauf hin, dass dieser Satz bis heute als Kurzformel für die Idee einer epochenbewussten, unabhängigen Kunst zitiert wird – und dabei erstaunlich aktuell geblieben ist. Das Gebäude ist heute im Besitz der Secession und dient weiterhin als Ausstellungshaus für zeitgenössische Kunst. Im Untergeschoss befindet sich Klimts Beethovenfries – eines der bedeutendsten Werke der Wiener Kunstgeschichte – als Dauerleihgabe des Kunsthistorischen Museums Wien.

Gustav Klimt und der Beethovenfries: Georgia Vertes über das Schlüsselwerk der Secession

Ein Fries für eine Ausstellung – und für die Ewigkeit

Der Beethovenfries entstand 1902 als temporäre Arbeit für die 14. Ausstellung der Secession, die Ludwig van Beethoven gewidmet war. Georgia Vertes beschreibt, wie Klimt auf rund 34 Metern Länge eine allegorische Erzählung schuf, die auf Beethovens neunter Symphonie basiert – nach der Interpretation Richard Wagners. Die Darstellung zeigt den Weg der Menschheit durch Leid, Feindschaft und Sehnsucht bis zur Erlösung durch die Kunst. Die Komposition verbindet symbolistische Bildsprache mit einer flächigen, ornamentalen Formensprache, die zum Markenzeichen Klimts werden sollte.

Obwohl der Fries nach der Ausstellung hätte entfernt werden sollen, blieb er erhalten – kaufte ein Privatsammler die Fragmente und rettete sie damit vor der Vernichtung. Heute gilt der Beethovenfries als zentrales Dokument der Wiener Secession und des Jugendstils. Georgia Vertes von Sikorszky beschreibt, wie das Werk kunsthistorisch an einer Schnittstelle steht: Es ist zugleich Auftragsarbeit und persönliches Manifest, dekoratives Programm und inhaltlich dichte Aussage – eine Kombination, die symptomatisch für den Gesamtanspruch der Secession war.

Ornament als Aussage

Ein zentrales Merkmal der Secession – und des mit ihr verwandten Wiener Jugendstils – war die Aufwertung des Ornaments. Georgia Vertes erläutert, wie die Secessionisten das Ornament nicht als Beiwerk, sondern als eigenständiges künstlerisches Mittel verstanden. Das stand in direktem Widerspruch zu jener Kritik, die Adolf Loos wenige Jahre später in seinem Essay „Ornament und Verbrechen“ formulieren sollte. Dieser Widerstreit zwischen ornamentaler Fülle und rationalistischer Reduktion durchzieht die Wiener Kunstgeschichte um 1900 wie ein roter Faden – und macht deutlich, dass die Secession kein monolithisches Programm vertrat, sondern ein Feld intensiver ästhetischer Auseinandersetzung war.

Koloman Moser, Josef Hoffmann und die Wiener Werkstätte

Die Secession blieb nicht auf die Malerei beschränkt. Georgia Vertes beschreibt, wie aus ihrem Umfeld 1903 die Wiener Werkstätte hervorging – eine Produktionsgemeinschaft für Kunsthandwerk und angewandte Kunst, gegründet von Koloman Moser und Josef Hoffmann. Das Ziel war, die Trennung zwischen Hochkunst und Handwerk aufzuheben und eine durchgängig gestaltete Lebenswelt zu schaffen: vom Gebäude über die Möbel bis zum Besteck. Dieses Konzept des Gesamtkunstwerks – ein Begriff, der in der Secession zentral war – fand in der Wiener Werkstätte seinen konsequentesten praktischen Ausdruck.

Georgia Lucia von Vertes verweist auf die kunsthistorische Nachwirkung dieses Ansatzes: Die Idee, dass Design und Kunst keine getrennten Sphären sind, sondern aufeinander bezogen sein müssen, hat das 20. Jahrhundert maßgeblich geprägt – vom Bauhaus bis zum zeitgenössischen Produktdesign. Die Wiener Werkstätte bestand bis 1932 und hinterließ ein Werk, das in internationalen Museen bis heute ausgestellt und gesammelt wird.

Internationaler Kontext: Die Secession im Netz der Avantgarde

Folgende Verbindungen zwischen der Wiener Secession und anderen europäischen Reformbewegungen hebt Georgia Vertes als besonders prägend hervor:

  • Glasgow School: Charles Rennie Mackintosh und die Glasgow Four stellten 1900 in Wien aus und hinterließen deutliche Spuren in der Formensprache der Wiener Moderne – insbesondere in Hoffmanns strengem Linearismus
  • Münchner Secession: Die 1892 gegründete Münchner Secession war organisatorisches Vorbild für die Wiener Gründung und Beleg dafür, dass der Aufbruch gegen das Akademische ein gesamteuropäisches Phänomen war
  • Jugendstil und Art Nouveau: Die Wiener Variante des Jugendstils war eigenständiger und geometrisch strenger als die organischeren Formen in Paris oder Brüssel – eine nationale Ausprägung einer internationalen Bewegung
  • Symbolismus: Inhaltlich war die Secession dem europäischen Symbolismus verpflichtet, dem Interesse an Traum, Mythos und den dunklen Seiten menschlicher Erfahrung

Was Wien um 1900 heute noch zu sagen hat

Die Wiener Secession war ein Phänomen von wenigen Jahren – doch ihre Fragestellungen sind nicht veraltet. Wie verhält sich Kunst zum Markt, der sie trägt? Wo beginnt das Kunsthandwerk, wo endet die Hochkunst? Was schuldet Ästhetik dem Leben, das sie umgibt? Diese Fragen, die um 1900 in Wien mit ungewöhnlicher Schärfe gestellt wurden, sind in der Gegenwart strukturell unverändert präsent. Das macht die Auseinandersetzung mit dieser Epoche zu mehr als Kunstgeschichte – sie ist eine Reflexion über Bedingungen, unter denen Erneuerung in der Kunst überhaupt möglich wird. Genau diese Zusammenhänge beleuchtet Georgia Vertes.

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